Schließung von Gynäkologie und Geburtshilfe ist ein gravierender Einschnitt für die gesamte Region
Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum darf nicht an Rechenmodellen, starren Grenzwerten und wirtschaftlichen Zwängen scheitern
Die angekündigte Einstellung der Geburtshilfe und Gynäkologie am Asklepios Klinikum Schwalmstadt zum 1. Januar 2027 ist aus Sicht der FREIEN WÄHLER Schwalmstadt ein gravierender Einschnitt in die medizinische Versorgung der gesamten Region. „Dass eine Stadt in der Größe Schwalmstadts und eine ländlich geprägte Region wie der südliche Schwalm-Eder-Kreis künftig ohne eigene Geburtshilfe und gynäkologische Krankenhausversorgung dastehen sollen, kann und darf uns nicht gleichgültig sein“, erklären die FREIEN WÄHLER.
Der Fraktionsvorsitzende der FREIEN WÄHLER Schwalmstadt, Christian Herche, kritisiert insbesondere die politischen Rahmenbedingungen:
„Wir erleben hier, was passiert, wenn Gesundheitsversorgung zunehmend nach Rechenmodellen, Fallzahlen und wirtschaftlichen Kriterien organisiert wird. Für die Menschen vor Ort ist es vollkommen unerheblich, ob irgendein Grenzwert um 0,2 Punkte verfehlt wird. Sie wollen wissen, ob im Ernstfall eine verlässliche medizinische Versorgung erreichbar ist. Gerade im ländlichen Raum darf Gesundheit nicht zu einer Frage der Postleitzahl werden.“
Besonders kritisch sehen die FREIEN WÄHLER die Kriterien, mit denen der angebliche Versorgungsbedarf ermittelt wird. Nach Angaben von Asklepios scheitert ein Sicherstellungszuschlag unter anderem daran, dass laut Berechnungsmodell 728 statt der erforderlichen 950 Frauen im gebärfähigen Alter eine längere Fahrzeit zur nächsten Geburtsklinik hätten. Gleichzeitig liegt die maßgebliche Einwohnerdichte mit 19,8 Frauen je Quadratkilometer knapp unter dem Grenzwert von 20.
„Das zeigt die ganze Absurdität des Systems: Wegen 0,2 Frauen pro Quadratkilometer und eines starren Schwellenwertes wird einer ganzen Region bescheinigt, dass ihre wohnortnahe Versorgung nicht ausreichend wichtig sei. Hinter diesen Zahlen stehen aber keine statistischen Größen, sondern Schwangere, Familien und Patientinnen. Gerade bei einer Geburt oder einem gynäkologischen Notfall können Entfernungen und Fahrzeiten entscheidend sein.“
Der Hinweis auf Kliniken in Fritzlar, Bad Hersfeld und Marburg könne deshalb nicht die Antwort auf alle Fragen sein. Wer im ländlichen Raum lebt, habe den gleichen Anspruch auf eine verlässliche und erreichbare medizinische Grundversorgung wie Menschen in Ballungsgebieten.
Landesregierung darf sich nicht hinter Vorgaben und Zuständigkeiten verstecken
Die FREIEN WÄHLER nehmen ausdrücklich auch die hessische Landesregierung in die Verantwortung. Krankenhausplanung ist eine zentrale Aufgabe des Landes. Es reiche nicht aus, Gespräche zu führen, Bedarfsanalysen zu erstellen und am Ende die Schließung einer wichtigen Abteilung zu begleiten.
„Von einer Landesregierung erwarten wir, dass sie für den Erhalt einer flächendeckenden Versorgung kämpft und politische Lösungen schafft. Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen dazu führen, dass medizinisch wichtige Angebote im ländlichen Raum verschwinden, dann müssen diese Rahmenbedingungen geändert werden. Politik darf nicht erklären, warum etwas nicht geht. Politik muss Lösungen möglich machen.“
Die angekündigte Schließung zeige erneut, dass die Krankenhausreform die besonderen Bedingungen des ländlichen Raumes nur unzureichend berücksichtige. Medizinische Versorgung könne nicht ausschließlich anhand von Fallzahlen, Einwohnerdichten, Mindestmengen und mathematischen Fahrzeitradien organisiert werden.
„Wer immer höhere personelle und strukturelle Anforderungen stellt, muss auch dafür sorgen, dass deren Finanzierung gerade in ländlichen Regionen gesichert ist. Andernfalls werden diese Vorgaben zum schleichenden Schließungsprogramm für kleinere und mittlere Krankenhausstandorte.“
Gesundheit ist Daseinsvorsorge und keine gewöhnliche Ware
Gleichzeitig sehen die FREIEN WÄHLER die Entwicklung als Folge eines grundlegenden Fehlers im deutschen Gesundheitssystem. Die Privatisierung vieler Krankenhäuser und der über Jahrzehnte gewachsene wirtschaftliche Druck hätten dazu geführt, dass Kliniken und einzelne Abteilungen zunehmend danach beurteilt werden müssten, ob sie sich wirtschaftlich tragen.
„Wir machen es uns ausdrücklich nicht so einfach, die Verantwortung allein bei Asklepios abzuladen. Das Unternehmen handelt innerhalb eines Systems, das die Politik geschaffen hat. Genau dieses System müssen wir aber grundsätzlich infrage stellen.“
Gesundheitsversorgung sei öffentliche Daseinsvorsorge und könne nicht nach denselben Regeln funktionieren wie ein gewöhnlicher Markt.
„Ein Krankenhaus, eine Notaufnahme oder eine Geburtshilfe muss nicht deshalb vorgehalten werden, weil sie möglichst hohe Renditen erwirtschaftet. Sie muss vorgehalten werden, weil die Menschen sie brauchen. Wer Krankenhäuser privatisiert und gleichzeitig die Finanzierung immer stärker an Wirtschaftlichkeit, Fallzahlen und starre Strukturvorgaben koppelt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende Standorte und Abteilungen verschwinden.“
Die FREIEN WÄHLER fordern deshalb von Bund und Land eine Krankenhausfinanzierung, die die tatsächlichen Bedingungen ländlicher Regionen berücksichtigt. Notwendige Versorgungsangebote müssten dauerhaft finanziert werden können, auch wenn sie nicht die Fallzahlen großer Ballungszentren erreichen.
Jetzt muss um den Standort Schwalmstadt gekämpft werden
Die FREIEN WÄHLER Schwalmstadt erwarten nun von der hessischen Landesregierung, dem Schwalm-Eder-Kreis, den regionalen Landtagsabgeordneten und allen politischen Verantwortlichen, dass sämtliche Möglichkeiten zum Erhalt zumindest einer wohnortnahen gynäkologischen Versorgung erneut geprüft werden.
Auch müsse transparent dargestellt werden, welche konkreten Auswirkungen die Schließung auf Notfälle, die ambulante gynäkologische Versorgung und die weitere Entwicklung des Krankenhausstandortes Schwalmstadt haben wird.
„Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass der ländliche Raum Stück für Stück Infrastruktur verliert und anschließend erklärt wird, die nächste Versorgung sei ja irgendwo anders noch vorhanden. Erst verschwindet ein Angebot, dann das nächste – und irgendwann stellt man fest, dass aus wohnortnaher Versorgung eine stundenlange Reise geworden ist.“
Für die FREIEN WÄHLER steht fest:
Die Menschen im ländlichen Raum sind nicht weniger wert als Menschen in den Ballungszentren. Eine verlässliche medizinische Versorgung darf weder an einer Nachkommastelle noch an starren Rechenmodellen oder wirtschaftlichen Zwängen scheitern. Die Schließung der Geburtshilfe und Gynäkologie in Ziegenhain muss ein Weckruf sein – für Schwalmstadt, für den Schwalm-Eder-Kreis und für die hessische Landespolitik.